16.08.2010

Das Massaker in Adana

Ich möchte die Ereignisse welche im Villajet Adana geschahen und in authentischen Berichten vom Österreichisch-Ungarischen Konsul in Mersina, Daras, aufgezeichnet und an den Österreichisch-Ungarischen Behörden in der Türkei gesendet wurden, ohne jeglichen Kommentar meinerseits wiedergeben. Die Dramatik dieser Aufzeichnungen schildert drastisch und entblößend die Geschehnisse von Adana.

15.April 1909

An das österreichisch-ungarische Konsulat, Alep.

Herr Konsul!

Ich beehre mich hier beiliegend Kopien von den Telegrammen zu Übersenden, die ich gestern und heute Morgen Botschaft in Konstantinopel, Ihrem Konsulat, sowie an den Vali von Adana übermittelt habe, auf Grund der Massaker die seit gestern in Adana gegen die Armenier weitergehen. Es brodelt sehr seit der vergangenen Woche in der genannten Stadt infolge der Ermor-dung von zwei Moslems von einem Armenier, in Notwehr.[1]

Ein junger Armenier, um seine Ehre und sein Leben gegen fünf Moslems zu verteidigen, auf diese geschossen hat und zwei von ihnen tötete.

Eine dichte Menge begab sich am Dienstagabend den 13.April zum Generalgouverneur und verlangte die Aushändigung des armenischen Mörders um ihn auf dem Feld zu exekutieren und da sie dies nicht erreichten…stürzten sie auf die Strasse und erschlugen den ersten Armenier dem sie beim Ausgang vom Serail begegneten…

Am Mittwoch den 14. April…ging ein allgemeiner Aufschrei „Tod den Christen“ durch die Stadt, dann postierten sich Banden von Moslems, die sich durch weiße Turbane kennzeichneten und mit Keulen bewaffnet waren, vor verschiedene Moscheen und schlugen die in der Nähe vorbeigehenden Christen.

Die Plünderer folgten ihnen und innerhalb kurzer Zeit war der Markt von Adana geplündert und verwüstet…Die Opfer waren sehr viele, vor allem unter den Leuten, die von den Feldern zurückkamen und nichts wussten was in Adana passiert ist und die unerbittlich bei der Rückkehr in die Stadt massakriert wurden.[2]

Anderseits verschanzten sich eine große Anzahl von Armeniern in ihren Vierteln und töteten die Moslems, die in der nähe vorbeikamen. Wir können nicht die Zahl der Opfer angeben, wir schätzen sie um 2.000, von denen nur ca. 30 Moslems, und vier Soldaten und der Rest Armenier und zwei oder drei Griechen.[3]

15.04.09

Eilt. Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Massaker, Plünderung, Brandlegungen setzen sich in Adana fort, wir erfahren weiters von Schwierigkeiten in Tarsous, die Armeeführung ist zweifelhaft, die Strassen sind voller Gefahren, die Situation ist arg. Das Übel vergrößert sich. Eine Große Anzahl von bewaffneten Armeniern Kommen aus Seytun an.[4]

15.04.1909

Eilt. Österreichische Botschasft, Konstantinopel.

Kampf zwischen Moslems und Armenier geht eifrig weiter und weitet sich auf andere Städte aus. Adana ist großenteils verbrannt, nationale Hilfe unmöglich, wir bitten um eilige Instruktionen…

Die Verwüstung erneut mit noch größerer Hingabe und  setzte sich fort, ein neuer Befehl wurde gegeben nur die Armenier zu schlagen und die Wege der anderen Christen und vor allem der Ausländer zu respektieren.[5]

16.04.1909

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Situation verzweifelt, Massaker, Plünderung, Brände, Adana, Tarsous. Mersine große Panik.[6]

17.04.09

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Dank der energischen Führung von Mutassarif Mersine, Leutnant Loufti Bey,[7] hält die Ruhe an. Das armenische Kirchenviertel Tarsous angezündet. Plünderungen, Gemetzel schrecklich.[8]

19.04.09

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Massaker, Plünderungen, Brände dauern an, innerhalb Vilayets, Landwirtschaften in Brand gesetzt, geplündert. Opfer geschätzt auf 15.000, materielle Verlust unkalkulierbar. Sesare zerstört, kein ausländisches Schiff kommt an.[9]

(27.)22.04.09

Pera, Telegramm von Pallavicini nach Wien.

Die Lage ist seit 16. des Monats sehr kritisch. Krichan auf dem Weg nach Alepo völlig ausgebrannt und Armenier massakriert. In Antakya 328 Armenier niedergemetzelt...Vargaslik, Atik, Sausu, Kessab, die Dörfer um Iskandarun teils verbrannt und Armenier ausgerottet. Sehr Viele vergewaltigte Frauen und junge Maedchen irren mit Kindern in den Bergen herum und sterben an Hunger. In Dortyol 7000 Menschen belagert von kurdischen und Techerkesischen Truppen, sollen durch Hunger und Durst vernichtet werden. Die Behörden schauen zu...

Heute Morgen wurde unter druck englischer, französischer und italienischer Befehlshaber ein osmanisches Dampfschiff mit Besatzung zur Rettung der Belagerten in Dortyol versendet. Das Ergebnis ist zu ignorieren.[10]

25.04.09

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Die Ankunft von fünf ausländischen Kriegsschiffen (englische, französische italienische, deutsche und russische) hat das Vertrauen wieder gebracht, und man hat gehofft, dass sich in einigen Tagen auch die Situation in Adana bessern wird, als plötzlich die von Saloniki ankommende Armee des Komitees, so heißt der Auftrag, das Werk der Vernichtung vollendet hat…Die Offiziere der Kriegsschiffe waren stille Augenzeugen dieser letzten Katastrophe. Die Soldaten haben unter ihren Augen geplündert, angezündet und massakriert.[11]

…In inneren Dörfern sind Christen ohne Schutz den fürchterlichsten Entsetzlichkeiten ausgeliefert. Moslems sind lüstern nach Blut der Christen. Nach allgemeiner Meinung betrachtet man die Massaker als Vorbereitung nahezu  Alle Christen auszulöschen. Die religiösen oder zivilen Vorstände oder angesehene Moslems schlagen Alarm. Menschliche Verluste derzeit auf 20.000 Christen geschätzt…[12]

26.04.09

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Neuigkeiten von letzter Nacht aus Adana entsetzlich, vor kurzem eingetroffene Truppen zündet übrig gebliebenes armenisches Viertel an, tötet fluchtende Personen. Grosse Panik. Armee mehr und mehr aufgebracht, verschreckte Bevölkerung, große Panik. Regierung verfügt über 4.000 Soldaten.[13]

 

27.04.09

Österreichische Botschaft, Konstantinopel.

Adana in Asche gelegt, fast alle Armenier massakriert.[14]

Die Regierung versucht, diese letzte Katastrophe den Armeniern zuzuschreiben und behauptet, dass das Feuer in ihrem Viertel von einer alten Frau gelegt worden ist und dass die Armenier diesen Vorfall als revolutionären Vorfall darstellen. Aber die Realität schreit das Gegenteil hinaus und alle meine Kollegen sowie die Kommandanten der Kriegsschiffe, die Augenzeugen dieser fürchterlichen Szenen waren, haben einstimmig erklärt, dass es sich um ein Massaker handelt, das gegen die Christen organisiert war und das sich in der folge auf die Armenier beschrenkt hat. Dies ist auch, Exzellenz, meine persönliche Überzeugung und basiert auf den Ereignissen und auf den Erklärungen der notablen Moslems von hier und vom Innenland  mit denen ich Geschäftliche Handelsverbindung habe und die mir nicht verheimlicht haben, dass die Parole von den lokalen Behörden gegeben wurde und das sie sie aufgefordert haben, sich zu bewaffnen und sich bereit zu halten… [15]

Der Verlust an Menschen wird auf 30.000 geschätzt, davon 2000 orthodoxe und katholische Griechen und 300 Moslems und der Rest sind Armenier.[16]

Der neue Vali verspricht Ordnung zu schaffen, aber er wird es schwer erreichen und Fälle von Verbreitung von Tod und Feuer gehen in der Stadt Adana weiter. Das Kriegsrecht wurde vom neuen Militär-Kommandanten verhängt und ein Kriegsgericht ernannt unter der Präsidentschaft des Muschir des 5. Armeekorpses mit baldigem Sitz in Adana. Ca. 300 Schuldige sind bereits verhaftet worden aber fast alle sind Armenier und es ist schwer zu befürchten, das nach all diesem Unglück und nachdem sie massakriert worden sind, sie auch noch als Revolutionäre verurteilt werden und für die von den Moslems begangenen Strafen büssen müssen.[17]

Jetzt da alles geplündert und ausgeraubt ist kommen täglich große Kontingente an Truppen an, deren Grosse auf ca. 8.000 Soldaten geschätzt wird. Diese Entsendung, so scheint es, hat nichts anderes vor als zu bestätigen, dass es sich um eine Revolution handelt…[18]

Der Katholische Armenische Bischof Mgr. Terzian, der dem Gerichtshof  eine Liste seiner Pfarrkinder, Opfer der letzten Massaker, vorgelegt hat und auch die Namen der Täter angegeben hat, wurde selbst als Lügner und Betrüger behandelt. Unter diesen Umstanden hat kein Christ mehr den Mut sich zu präsentieren.[19]

Auch einige Moslems sind verhaftet und eingesperrt worden, aber das sind Menschen niedriger Klassen, eher einfache Mitläufer als Anstifter, jedoch hat ihre Verhaftung ihre Mitstreiter zum zögern gebracht und einige Hodjas haben die Mitglieder des Kriegsgerichtshofes bedroht, mit den Massakern wieder zu beginnen falls sie verurteilt werden…Das einzige Ziel das der neue Vali gesetzt hat, welches ohne Ausnahme auch das Ziel der politischen und militärischen Autorität ist, ist es in den Augen der Europäer das Ausmaß der Katastrophe zu vermindern und sämtliche Schuld den Armeniern zuzuschreiben und die Moslems als Opfer darzustellen…[20]

Die Anzahl der Opfer Übersteigen nach unseren (juengsten) Informationen erheblich die Zahl 40.000 Personen. Mit einem Wort, es ist eine echte Ausrottung der Armenier…Beinahe alle Frauen wurden gezwungen dem Islam beizutreten um ihr Leben zu retten und die Harems der Moslems zu schmucken…[21]

Am 21.Juli 1909 berichtete Pallavicini, der Österreichisch-Ungarische Botschafter in Konstantinopel, über die Kriegsgerichtsverhandlungen nach Wien:

 „Das Kriegsgericht überwälzt einen gewissen Teil der Verantwortung für die traurigen Ereignisse auf die armenische Bevölkerung, welche es separatistischen Tendenzen und der Provokation des mohammedanischen Elementes beschuldigt… Der Gerichtshof konstatiert aber zugleich ziemlich offen das Auflodern der Leidenschaften auch der Mohammedanern, welche in einem gegebenen Augenblicke geglaubt haben, die Massakrierung der Armenier sei, ‚ so wie im Jahre 1896 von den Behörden angeordnet’, ferner erwähnt er die furchtbaren Leiden, welche ‚das Gericht vor Schaudern erzittern machten’, und stellt endlich auch die Schuld der Behörden fest, welche die Massaker nicht zu verhindern und einzudämmen wussten. Das Kriegsgericht weist auf die überaus große Zahl derjenigen hin, gegen welche noch die Todesstrafe auszusprechen wäre, und endet seinen Bericht damit, dass, wenn die Gerechtigkeit in vollem Masse ausgeübt werden sollte, die gesamte Bevölkerung des Vilajets Adana in den Kerker wandern müsste. Er plädiert daher für die Erlassung einer Amnestie…

Auf eine Anfrage im Parlament erwiderte der Kammerpräsident, dass um über die tragische Angelegenheit den Schleier der Vergessenheit zu bereiten und zur Versöhnung der Mohammedanern und Armeniern im Vilajete Adana beizutragen, aus Anlass der Verfassungsfeier eine Amnestie erlassen werden soll.“[22] 

Interessant erscheint mir auch der Kommentar des Österreichisch-Ungarischen Konsuls in Trapezunt, Mouriz, welcher die Ereignisse in Adana und das dort stattgefundene Massaker betrifft.

Am 9.September 1909 schrieb er an Pallavicini:

 „Die Armenier unterstützten bis jetzt die Jungtürken, welchen sie ihre Befreiung von der schrecklichen Tyrannei Abdul Hamids und von den unablässigen Verfolgungen und Peinigungen der Schergen dieses Tyrannen verdanken, in der Erwartung, dass sie für ihre Dienste werden belohnt werden. Die Metzeleien in Adana und die immer häufiger werdenden Übergriffe und Mordtaten der Kurden belehrten sie aber, dass sie auch unter dem konstitutionellen Regime auf ihrer Hut sein müssen. Mann kann wahrlich von ihnen nicht verlangen, dass sie Liebe zudem Türken in ihrem Herzen empfinden.“ [23]


[1] Artem Ohandjanian, „Österreich-Ungarn und Armenien, 1872-1936“ Wien 1995, S. 3368

[2] Ibid  S. 3396ff

[3] Ibid  S. 3369

[4] Ibid  S. 3374

[5] Ibid S. 3398

[6] Ibid S. 3374

[7] Ibid S. 3405

[8] Ibid  S.3375

[9] ibid

[10] Ibid S. 3392f

[11] Ibid S- 3401

[12] Ibid  S. 3375

[13] Ibid

[14] ibid

[15] Ibid S. 3402

[16] Ibid S. 3403

[17] Ibid S. 3404

[18] Ibid S. 3405

[19] Ibid S. 3426

[20] Ibid S. 3427

[21] Ibid S. 3428

[22] Ibid S. 3460-3464

[23] Ibid S. 3688f