13.08.2010

Die Armenische Frage und die Türkei

Prof. Dr.phil. Dr.h.c. Mag.art Artem Ohandjanian
Wien
Das Problem "die Anerkennung des armenischen Genozid von 1915 durch die Türkei" wird immer eine Last sowohl für die Türkei, als auch für Armenien sein. Der Völkermord an den Armeniern wurde schon allzeit von den westlichen Mächten - von USA gelenkt - ausgenützt:
Finden Präsidentschaftswahlen in USA statt, wird den Armeniern in USA versprochen, nach gewonnener Wahl die Anerkennung des Genozids durch ihre Regierung zu arrangieren. Ist die Wahl vorbei, wird das armenische Problem stillgelegt. So wurde jahrzehntelang praktiziert.
Um von der Türkei Konzessionen zu erlangen, sei es wirtschaftlicher oder militärischer Art, wird auch die "Armenische Frage" ausgenützt.
Dasselbe ist auch mit den europäischen Mächten: Brauchen sie irgendeine Konzession von der Türkei, wird das Genozid an den Armeniern aktualisiert. (Z.B. EU Beitritt der Türkei)
Wenn wir aber die Handlungen der europäischen Mächte in 1915 überprüfen, sehen wir, dass gerade drei europäische Mächte an dem Genozid von 1915 an den Armeniern mitverantwortlich waren. Vor allem die Schuld Englands ist ungeheuerlich, denn durch die Fehlentscheidung bei der Flotteninvasion in den Dardanellen, 1915, wurde das Genozid an den Armeniern überhaupt ermöglicht:
1915 fand die Dardanellen-Invasion durch die alliierte Kriegsflotte statt. Knapp vor der Dardanelleneroberung ließen die Engländer die Invasion abbrechen. Nach Lord W. Churchill, Lord Kurzon, Admiral Sir Roger Keyes, Enver Pascha, Liman von Sanders und anderen, wäre die Eroberung der Dardanellen möglich gewesen. Hätten die Alliierten Konstantinopel erobert, konnte die ottomanische Armee höchstens 4-5 Monate dem Krieg standhalten. Das Genozid an den Armeniern hätte demzufolge überhaupt nicht stattgefunden. (Genaue Beschreibung der Sachlage siehe: Artem Ohandjanian, "Armenien 1915, österreichisch-ungarische Botschaftsberichte beweisen das Genozid", Wien 2007, S. 260-271).
Als der Dardanellenkrieg seitens der Türkei "gewonnen" war, begann das Genozid an den Armeniern.
Zwei europäische Mächte hätten das Genozid an den Armeniern verhindern können: Deutschland und Österreich-Ungarn. Beide Länder waren die Verbündeten der Türkei und hatten die Türkei vollkommen in ihrer Gewalt. Sie taten es aber nicht und ließen dem Völkermord an den Armeniern geschehen. (Genau Beschreibung siehe bei Ohandjanian, wie oben. S. 237-259)
Diese drei europäischen Länder haben selbst bis dato den Völkermord an den Armeniern als solches nicht anerkannt aber verlangen von der Türkei, das Genozid an den Armeniern anzuerkennen.
Die USA- diplomatische Vertretung war bis 1917 in der Türkei anwesend
und der Botschafter Morgenthau hat durch authentische Berichte seine
Regierung über das Massaker an den Armeniern genauestens unterrichtet. Die USA hat auch bis dato das Genozid an den Armeniern nicht anerkannt, aber verlangt von der Türkei, es anzuerkennen.
Die USA hat noch zwei Trumpfe in ihrer Hand: Die (von ihnen inszenierten) Kurdenkonflikt und das türkische Militär. Im Norden Iraks wurde sogar eine kurdische Republik durch die USA kreiert!
Die Kurden werden sofort aktiv und "die Armenische Frage" kommt
in Tagesordnung der USA- Regierung, sobald sie etwas von der Türkei fordern.
Die islamische Regierung in der Türkei ist noch ein Problem für die USA: Die islamische Regierung in der Türkei ist durch das Volk entstanden und ist nicht von "Oben" - von Westen - aufoktroyiert worden. Daher ist sie von "Außen" nicht beeinflussbar und agiert oft gegen die Interessen der USA und Israel.
USA und Israel haben vor kurzem der Türkei gedroht, den Volkermord an den Armeniern anzuerkennen falls die Türkei weiter Israel kritisiert (siehe das Eklat in Davos), bzw. weil gegen die jüdische Einmischung in die türkischen Regierungs- Angelegenheiten  Widerstand geleistet wird.
Dabei dürfte Israel - ein Land mit Genoziderlebnis - nie mit dem Wort "Genozid" handeln.
Falls diese Länder das "Genozid an den Armeniern" anerkennen, würde die Türkei von diesen Ländern noch mehr unter Druck gesetzt; sie würden mit ihren heuchlerischen "Menschenrechten" weiter die Türkei "bearbeiten" wollen.
Um es auf den Punkt zu bringen, sowohl Armenien als auch die Türkei werden von den westlichen Mächten manipuliert. Im Grunde genommen wollen diese Länder überhaupt nicht,  dass die Türkei das "Genozid an den Armeniern" anerkennt und dass eine freundschaftliche Beziehung zwischen beiden Ländern zustande kommt. Denn dadurch würde in Kaukasus Ruhe eintreten, aber gerade Ruhe im Kaukasus ist gegen die Interessen dieser Länder.
Diese unangenehme Situation für die Türkei und Armenien kann nur dadurch beseitigt werden, wenn Armenien und die Türkei versuchen würden, in ehrlicher Absicht das "Genozid- Problem" zu lösen. Die Annäherung beider Länder und die Lösung des Problems wird dem heuchlerischen "menschenrechtlichen" Gejammer viele Länder eine Ende setzen.
Hier ist Vorsicht geboten: Die Einmischung der westlichen Mächte muss  neutralisiert werden. Denn es ist leider eine Tatsache, dass sowohl bei den Armeniern als auch bei den Türken so genannten "Nationalist- Chauvinisten" im Werk sind, die in Wirklichkeit - meiner Meinung nach -die Handlanger westlicher Regierungen sind.
Bei der Lösung der "Armenischen Frage" ist ein Beispiel aus Europa
schon verfügbar: Im 1. Weltkrieg wurde Italien dadurch in den Krieg
geholt, indem die Alliierten Italien Südtirol versprochen hatten. Nach dem Krieg wurde Südtirol Italien zugesprochen. Das Problem von Süd-Tirol zwischen Österreich und Italien wurde Ende 1971 gelöst und am 20. Jänner 1972  trat das Abkommen in Kraft und die Bezeichnung PAKET erreichte es erst 1992.(siehe Beilage)
So ein Vertrag, natürlich angepasst an Armenien und die Türkei, könnte auch zur Lösung der Armenischen Frage beitragen.
Dadurch würde, z.B.:
a) die Genozidgejammer der westlichen Länder und die Manipulation gegen Armenien und die Türkei aufhören.
b) die Eröffnung von Grenzen zwischen Armenien und der
Türkei der Bevölkerung dieser Gegenden ermöglichen, die Situation
wirtschaftlich ausnützen zu können.
c) bei "kurdischem Konflikt" durch zum Islam konvertierte Armenier in der Osttürkei - mit der Hilfe Republik Armenien - für Ruhe, Ordnung und Stabilisation in dieser Gegend gesorgt werden.
(In Mai 1913 erhoben sich die Kurden im Vilayet Van gegen die Regierung. Man glaubte, dass die Armenier sich ihnen anschließen würden. Als dies nicht geschah, gingen die Kurden auch auf die Armenier los. Die türkische Regierung sandte dreitausend Mann zu Unterdruckung der Kurden. Nachdem die Regierungstruppen sie nicht bändigen konnten, bekämpften die Armenier die aufständischen Kurden. Van wurde von den Kurden gesäubert. Siehe Ohandjanian, wie oben, S. 67f)
d) die freundschaftliche Zusammenarbeit der Türkei und Armenien
die Lage im Kaukasus stabilisieren und der Berg-Karabach- Konflikt könnte bestimmt mit der Hilfe der Türkei friedlich gelöst werden.
e) der Handel zwischen die Türkei und Armenien offiziell und
nicht mehr über ein drittes Land abgewickelt werden. Beide Länder werden effizienter davon profitieren könnten.
f) beide Länder im Kaukasus als Transitland ihre strategischen Positionen ausbauen und ausnützen können.
g) Armenien die Türkei mit Aserbaidschan verbinden.

Nun zu den beiden Völkern, Türken und Armeniern:
Es leben und arbeiten derzeit mehr als 70.000 Armenier aus der Republik Armenien in der Türkei, ein Beweis dafür, dass die türkische und armenische Bevölkerung im Grunde genommen miteinander relativ gut auskommt. Auch die zahlreichen armenischen Urlauber, die jedes Jahr ihren Urlaub in der Türkei verbringen, beweisen diese Annahme. Das heißt,  die zwei Nachbarvölker sind jetzt schon einander relativ freundschaftlich gesinnt. Man muss nur -  um es zu wiederholen - die so genannten "Nationalist- Chauvinisten " beiderseits neutralisieren.
Um das alles erreichen zu können, braucht man natürlich aufrichtige Verhandlungspartner, viel Zeit und Geduld, wie es bei den Italienern und Österreichern der Fall war, und Kompromisse - der wichtigste Faktor - ohne den kein Resultat zu erzielen sein wird.

Artem Ohandjanian