13.08.2010

Englands Mitschuld an dem Genozid an den Armeniern

(Artem Ohandjanian, „Armenien 1915: Österreichisch-Ungarische Botschaftsberichte beweisen das Genozid“, Wien 2007, S. 237-259)

 Die Armenierpolitik Großbritanniens im Ersten Weltkrieg war für das armenische Volk katastrophal. Bedingt durch zwei schicksalhafte Ereignisse, verursacht durch die englische Russlandpolitik, nahmen die Armenierfervolgungen und die Massaker an den Armeniern ihren Ausgang. Dies bedeutete Massaker an 1,5 Millionen Armeniern und die Verlust der ihnen versprochenen Heimat, Historisch-Armenien.

Wie im Kapitel Massaker schon angeführt wurde, hatten die Alliierten Anfang 1915 einen Flottenangriff auf die Dardanellen geplant. Durch die Eroberung von Konstantinopel, waren die Alliierten überzeugt, würde der Krieg in der Türkei vorzeitig zu Ende kommen.

Am 11. Februar 1915 begann dann die Bombardierung der Dardanellenbefestigungen.

Anfang März waren die äußeren Befestigungen der Dardanellen schon zerstört. Und die Türken hatten schon Vorbereitungen für die Evakuierung Konstantinopels getroffen. Im entscheidenden Angriff am 19. März verloren die Alliierten drei Schiffe und der gesamte Plan der Eroberung von Konstantinopel durch die Flotte wurde gestoppt. Als der Angriff auf Dardanellen gestoppt wurde, protestierte Churchill, der Erste Lord der Admiralität, und ließ die Admiralität wissen:

Wir verfügen über Nachrichten, dass die türkischen Befestigungen unter dem Mangel an Munition leiden, dass die deutschen Offiziere mutlose Berichte erstatten und dringend für mehr (Munition) gebeten haben... Dies alles macht es klar, dass die Operation jetzt methodisch und entschlossen forciert werden muss, Tag und Nacht. Unvermeidbare Verluste müssen akzeptiert werden. [1]

Im deutschen amtlichen Bericht, verfasst von General Liman von Sanders, wird die Aussage Churchills bestätigt:

Der größte Teil der türkischen Munition war verbraucht worden...Was sollte geschehen, wenn der Kampf am 19. und den darauf folgenden Tagen mit unverminderter Heftigkeit wieder aufgenommen wurde? [2]

Die englische Regierung war aber nicht gewillt, den Angriff an den Dardanellen fortzuführen.

Der Verlust an Menschenleben war bei den Operationen der Flotte gering gewesen, schrieb Churchill in `Die Weltkrise´. Im Verlauf der ganzen Unternehmung war nur ein Schiff von Bedeutung havariert worden...Die alten Linienschiffe waren auf jeden Fall dazu ausersehen gewesen, verschrottet zu werden...Noch am 20. Hatte der Admiral (de Robeck) depeschiert: "Nach den am 18. gemachten Erfahrungen bin ich der Ansicht, dass die Forts an der Meerenge und die Batterien zum Schutz der Minensperren nach einigen Kampftagen so weit ausgeschaltet sein können, dass Minienräumer die Möglichkeit haben, die Sperren bei Kephez auszuheben."

Wenn es aber so war, warum sollte es dann nicht durchgeführt werden? [3]

In einer sofortigen Sitzung, die Churchill berief, schlug er der Admiralität die Fortführung des Angriffes vor, aber:      

Nun stieß ich jedoch augenblicklich auf unüberwindlichen Widerstand. [4]

Die Admiralität stoppte den Dardanellenangrif:

Ich war also unter peinlichem Zwang dazu genötigt, schrieb Churchill weiter, meine Absicht aufzugeben und darauf zu verzichten, dass Admiral de Robeck ausdrückliche Befehle zur Erneuerung des Angriffs erteilt würde. Der Erste Seelord gab sich Mühe, mich zu trösten: Sie tun sehr unrecht daran, sich Sorgen zu machen und sich aufzuregen, schrieb er am 24. Versuchen Sie daran zu denken, dass wir die zehn verlorenen Stämme Israel sind. Wir siegen ganz sicher!  [5]

Dann schreibt er:

Tat ich, wenn man die Dinge im Licht der Resultate betrachtet, unrecht daran, mir Sorgen zu machen und mich aufzuregen? [6]

Das war einer der Gründe, weshalb Churchill von seinem Posten abdankte. Admiral Sir Roger Keyes, der im Dardanellenkrieg der verantwortliche Offizier für die Minensäuberung war, schrieb darüber:

I wish to place on record that I had no doubt then, and have no doubt now-and nothing will ever shake my opinion-that from the 4th of April onwards the Fleet could have forced the straits and, with losses stifling compared with those the Army suffered, could have entered the Marmara with sufficient force to destroy the

Turco-German Flee t [7]... and because we didn´t try, another million lives were thrown away and the war went on for another three years. [8]

Winston Churchills Meinung über den Dardanellenkrieg manifestiert sich in der von dem englischen Journalisten Ellis Ashmead-Batler, dem einzigen englischen Journalisten, der dem Dardanellenkrieg beiwohnen dürfte, und in einem Abendessen bei der Admiralität in London zugegen war, in seinem Tagebuch folgendermaßen festgehaltenen Notiz:

... At dinner ... towards the very end, he suddenly burst forth into a tremendous discourse on the Expedition (Dardanellen) and what might have been...he insisted over and over again that the battle of March 18th had never been through to a finish, and, had it been, the Fleet must have got through Narrows. This is the great obsession of his mind, and will ever remain so...On May 26 Winston Churchill left the Admiralty. [9]

 

Selbst Enver Pascha hat später gestanden, dass:

 

If the English had only the courage to rush more ships through Dardanells they could have got to Constantinople. [10]

Wie Admiral Keyes schrieb, der Sieg der Mittelmächte/Türkei über die alliierte Flotte verlängerte den Krieg: Durch diesen Sieg ermuntert, trat Bulgarien an der Seite der Mittelmächte in den Krieg, wodurch nicht nur die Niederwerfung Serbiens erleichtert, sondern die Türkei gegen einen Angriff von Westen gesichert wurde. Er vervollständigte zugleich die Isolierung Russlands von seinen westlichen Alliierten. Der Weg der Versorgung der Türkei über das Festland war auch gesichert.

Die Analyse des Dardanellenkriegs, unterstützt durch die Aussagen solcher Persönlichkeiten wie Churchill, Keyes und Liman von Sanders oder Enver Pascha, lässt die Vermutung zu, dass die englische Regierung den Dardanellenkrieg absichtlich nicht bis zu Ende hat führen lassen.

Um diese These zu manifestieren, bedarf es folgender Erläuterungen:

Am Anfang des Monats März 1915 hatten England und Frankreich in einem Vertrag Russland eingeräumt, Konstantinopel und Ostanatolien (Türkisch- Armenien) nach dem Krieg Russland zu überlassen.

Der Gang der letzten Ereignisse überzeugte S.M. den Kaiser Nikolaus davon, schrieb der russische Außenminister Sasonoff in seinem Buch, "Sechs schwere Jahre", dass die Frage von Konstantinopel und der Meerengen endgültig im Sinne der Jahrhunderte alten Bestrebungen Russlands zu lösen sei. Jede Lösung, die

nicht die Zugehörigkeit der Stadt Konstantinopel, der Westufer des Bosporus, des Marmarameeres und der Dardanellen sowie Südthrazien bis zur Linie Enos-Midia (und weitere Gebiete in Kleinasien) zum russischen Reiche enthält, wäre unbefriedigend... Am 27. März überreichte mir Sir Georg Buchanan (der englische Botschafter in Moskau) ein Memorandum, das auf Grund aus London erhaltener Instruktionen abgefasst war und die Zustimmung der englischen Regierung zur Angliederung der Meerengen und Konstantinopel an Russland unter gewissen Bedingungen bestätigte. Dieses waren: Der Krieg sollte bis zum siegreichen Ende geführt werden... Die Bedingung, den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen, war im Memorandum ausdrücklich erwähnt, kommentierte Sasonoff überrascht, obgleich es selbstverständlich schien, dass ohne ihn keine Erwerbungen auf Kosten des türkischen Gebietes denkbar seien. [11]

Die ausdrückliche Erwähnung den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen, barg in sich die Absicht, Konstantinopel und Türkisch-Armenien, trotz des Vertrages vom 27. März, Russland nicht zu überlassen. Denn jahrhundertlangekämpfte England gegen das Eindringen Russlands in die Meerengen bzw.

den Vormarsch Russlands aus dem Kaukasus nach Konstantinopel.

Schon im Krimkrieg 1853/56 hatte England die Türkei unterstützt und auch nach dem russisch-türkischen Krieg 1877/78 unter Kriegsdrohung Russland gezwungen, im Berliner Kongress die eroberten türkische Gebiete zu räumen. Die anschließende Okkupation von Zypern, nach dem Berliner Kongress, war nichts anderes als eine Vorsorgepolitik Englands gegen einen eventuellen russischen Vormarsch in den obgenannten Gebieten zu verstehen. Demzufolge wäre die Übergabe Konstantinopels und Türkisch-Armeniens an den Erzfeind Russland

paradox und unlogisch gewesen. Es war folgerichtig, dass, sobald Russland sich in diesen Gebieten festgesetzt

hätte, es von dort zu vertreiben nicht mehr möglich gewesen wäre. Daher musste die Eroberung von Konstantinopel abgebrochen werden. Die Engländer aber waren über die Folgen des Dardanellenkriegs gewarnt worden. Das ist durch einen k.u.k. Bericht vom 26. August 1914 offenkundig. An diesem Tag hatte der amerikanische Botschafter in der Türkei, Morgenthau, im Namen seines Landes und auch im Namen Großbritanniens mit seinem deutschen Kollegen Wangenheim über die Gefahr des Christenmassakers in der Türkei gesprochen. In diesem Gespräch hatte Wangenheim wissen lassen, dass:

Solange England (die) Dardanellen oder eine türkische Hafenstadt nicht angreife, sei nichts zu befürchten. Im gegenteiligen Falle aber könne man für nichts gutstehen.12[12]

Nun hatten die Engländer die Dardanellen doch angegriffen, aber die Aktion absichtlich abgebrochen. Es war jedoch zu erwarten, dass die Antwort der Mittelmächte und der Türkei, laut Wangenheims Drohung, zum Christenmassaker, genauer gesagt zum Armeniermassaker, führen würde, wie es auch geschah.

Über die Auswirkungen des Dardanellenkriegs an den Armeniern schrieb Alan Moorehead:

It would be absurd, of couse, to argue that the Allies´ failure in the Dardanelles was the only cause of the Armenian massacre; the root instinct of the Turks to destroy this unprotected minority was always there. But March 18 offered them the opportunity, the massacre followed the victory, and the psychological effect on the

 

Turks was immense. [13]

Josef Pomiankowski, der k.u.k. Militärattaché in Konstantinopel, schrieb in seinem Buch Der Zusammenbruch des ottomanischen Reiches auch über die Auswirkung des Dardanellenkrieges an das Massaker an den Armeniern:

Der Sieg in den Dardanellen vom 18.März 1915 hatte auf die türkische Bevölkerung und besonders auf die Machthaben in Konstantinopel einen ungeheueren Eindruck ausgeübt. Die bisherige Unsicherheit und moralische Depressionen verschwanden und machten ostentativ zur Schau getragenem Optimismus und Selbstbewusstsein, sowie einem überaus brutalen Chauvinismus Platz...Nach dem Sieg über die englische Flotte in den Dardanellen wurde streng geheim der Befehl gegeben, die gesamte, in Kleinasien ansässige armenische

Bevölkerung nach dem nördlichen Arabien bzw. Mesopotamien in die Wüstengegend am Euphrat zu überführen und dort anzusiedeln. Die Ausführung dieses barbarischen Befehls kann in Wirklichkeit der Ausrottung der armenischen Nation in Kleinasien gleich...Ungefähr 1 Million Menschen sollen auf diese Weise zugrunde gegangen sein und da die Zahl sämtlicher Armenier in Kleinasien 1.200.000 geschätzt wurde, konnte Talaat Ende 1915 mit Recht behaupten, dass die armenische Frage in der Türkei gelöst sei und nicht mehr existiere! [14]

Die Frage ist nun, ob das Armeniermassaker von England auch mit einkalkuliert war?

(Solange England (die) Dardanellen oder eine türkische Hafenstadt nicht angreife, sei [die Gefahr des Christenmassakers] nichts zu befürchten. Im gegenteiligen Falle aber könne man für nichts gutstehen).

Immerhin wussten die Engländer, wie alle europäischen Großmächte auch, dass ein Türkisch-Armenien ohne Armenier die sicherste Maßnahme gegen den russischen Vormarsch in Anatolien war.

Die Geschichte hatte erwiesen, dass die Armenier immer wieder die Hilfe Russlands angefordert und sie auch bekommen hatten, wie im russisch-persischen Krieg, 1828, wo die Armenier bei der Eroberung Russisch-Armenien im Kaukasus lebhaft mitgekämpft und den russischen Sieg ermöglicht hatten. Oder beim russisch-türkischen Krieg, 1877/78, als die Armenier Russland baten, sich für eine Autonomie für Türkisch-Armenien einzusetzen, die dann zum Punkt 61 im Berliner Kongress - Reformprogramm für die Armenier führte. So gesehen waren die Armenier in Türkisch-Armenien für die Orient- bzw. Russlandpolitik der europäischen Großmächte ein ständiger Stör- und Gefahrenfaktor gewesen.

Die Eroberung von Konstantinopel und das vorzeitige Kriegsende in der Türkei wären für das armenische Volk hingegen die Rettung gewesen: In dem darauf fol-genden Verteidigungskrieg der Türken wären die Armenierverfolgungen oder gar die Massaker kontraproduktiv und infolgedessen undenkbar gewesen. Zumal die

Alliierten die Verantwortlichen der Massaker umgehend verurteilt und hingerichtet hätten, wie es nach dem Krieg, 1919/20, auch geschah. Die Konsequenzen des nicht bis zu Ende geführten Dardanellenkrieges mussten

aber die Armenier tragen: Es gab 1,5 Millionen Massakeropfer; Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen und ihr Hab und Gut wurde konfisziert.

Das Problem Englands mit Russland war jedoch mit dem "Dardanellenkrieg" noch nicht gelöst. Russland musste aus dem Kriegsgeschehen eliminiert werden, damit der Vertrag vom März 1915 seine Gültigkeit verlor.

Um Russland als Kriegspartner entbehren zu können, musste aber ein anderes Land seine Stelle einnehmen. Das auserwählte Land war die USA.

Um die USA als Kriegspartner zu gewinnen, hatten die Engländer mehrere Versuche unternommen, dann:

Into this gloomy picture walks James Malcolm, an Oxford educated Armenian who had many contacts in high British circles. He was particularly friendly with Sir Mark Sykes of the Foreign Office, schreibt Sami Hadawi in seinem Buch, "Bitter Harvest". Sir Mark told him that the Cabinet was looking anxiously for US Government intervention in the War. Malcolm replied: `You are going the wrong way about it. You can win sympathy of certain politically-minded Jews everywhere, and especially in the United States, in one way only and that is, by offering to try and secure Palestine for them´. From then things began to move. Louis Brandeis, U.S.Supreme Court Judge and a personal confident of Woodrow Wilson, was influenced to win over the President; and in April 1917, the United States entered the war on the side of the Allies... On 2 November 1917, British Foreign

Minister Arthur Balfour issued his Declaration which now bears his name, "The Balfour Declaration"... Appearing before the Palestine Royal (Peel) commission in 1937, Lloyd George was explicit as to the reason which prompted his Government to grant the Balfour Declaration. Paragraph 16 of the Report has the following entry: “The Zionist leaders (Mr. Lloyd George informed us) gave us a definite promise that, if the Allies committed themselves to giving facilities for the establishment of a national home for the Jews in Palestine, they would do their best to rally Jewish sentiment and support throughout the world to the Allied cause. They kept their word. [15]

Im Februar 1917 brach die USA die Beziehungen zu Deutschland ab und am 6. April erklärte sie Deutschland den Krieg.

Über den Eintritt der USA in den Krieg sagte Winston Churchill nachträglich:

Es hätte dem Wohl aller Nationen gedient, hätten sich die Vereinigten Staaten um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert. Hätten die Amerikaner so gehandelt, so Churchill, wäre Frieden mit Deutschland geschlossen worden, und es hätte keinen Zusammenbruch in Russland gegeben, der Wegbereiter des Kommunismus war; keinen Zusammenbruch in Italien, dem der Faschismus folgte, und der Nationalsozialismus wäre in Deutschland nie an die Macht gekommen. [16]

Tatsache ist aber, dass, als der Krieg 1914 ausbrach:

The President of the USA advised his fellow countrymen to remain neutral even in though ...When the armistice was signed in 1918, there were 21.000 new American millionaires. [17]

Mit dem Ende des Weltkrieges, schrieb E.R.Carmin, hatte sich die Welt der Hochfinanzen geändert. Nun waren die Amerikaner die reichste Nation der Welt geworden. [18]

Sobald England die USA für den Krieg gewonnen hatte, brach die so genannte Russische Revolution am 23. Februar (8. März) 1917 aus.

Die russische Revolution wurde von Sir George Buchanan und Lord Alfred Milner eingefädelt, schrieb Gary Allen in seinem Buch "Die Insider". In Petersburg wimmelte es um dieser Zeit von Engländern. Man konnte die Straßennamen und Hausnummern angeben, wo britische Agenten einquartiert waren. Es wurde von ihnen berichtet, dass sie während des Aufruhrs Geld an die Soldaten verteilten und sie zur Meuterei aufstachelten. Lord Milner hatte 21 Millionen Rubel zur Finanzierung der russischen Revolution ausgegeben, und der Amerikaner Jacob Schiff investierte über 1 Millionen Dollar dafür. Lord Milner und Jacob Schiff waren Mitarbeiter von Bankier Rothschild. [19]

Die Vollziehung der Revolution seitens der Engländer war dermaßen offenkundig, dass die Londoner Times die Revolution offiziell eine englische Revolution nannte. [20]

Am 2.März (15.März) dankte der Zar ab.

Mit der Revolution kontrollierten die englischen Beamten das gesamte russische Verwaltungswesen. So stand es in einem k.u.k. Bericht vom 21. Mai 1917. [21]

Nach der Revolution bildeten sich in der Duma zwei Parteien: Die liberale, die für die Fortsetzung des Krieges war, und die sozialistische, die für Frieden stimmte.

Die liberale Partei stellte die Regierung mit Kerenski als Ministerpräsident, mit der Absicht den Krieg weiterzuführen. Dies wollten die Engländer nicht: Die Weiterführung des Krieges bedeutete, dass am Ende des Krieges der englischfranzösische März-Vertrag von 1915 in Kraft treten musste, also die im Vertrag vorgesehenen türkischen Gebiete Russland überlassen werden müssten. Für die Engländer, wie besprochen, ein Ding der Unmöglichkeit. Daher musste eine zweite Revolution organisiert werden, damit die sozialistische Partei die Regierung übernehme und Russland aus dem Krieg ausscheiden ließe. Jetzt wird der unverständliche Satz den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen verständlich.

Um die sozialistische Friedensbewegung zum Sieg zu führen, halfen die Freunde der Bolschewiken, also England, Deutschland und die USA, den im Exil lebenden Kopf der Sozialisten, Lenin, in einem plombierten Waggon nach Russland zu bringen.

Über die Lenin-Reise stand in einem k.u.k. Bericht aus Bern:

Ein bezeichnendes Licht auf die ganze Sache wirft der Ausspruch eines hiesigen Diplomaten, der mit dieser Reise zu tun hatte: Ein Offizier, der aus einem der ältesten preußischen Geschlechter stammt, wird als eine Art Ehrenkavalier diesem russischen revolutionären Gesindel, das wir sonst nach Russland ausweisen, dem aber jetzt der Hof gemacht wird, beigegeben, nur in der Hoffnung, dadurch den Frieden etwas zu beschleunigen - das ist die Lage. [22]

Am 3. April wurde dann Lenin in dem berühmten versiegelten Zug, mit ungefähr sechs Millionen Dollar in Gold, quer durch das im Krieg befindliche Europa in das Feindesland, Russland, geführt.

Die ganze Sache war durch das deutsche Oberkommando und Max Warburg, er war als Chef des deutschen Geheimdienstes dafür verantwortlich, dass Lenin in jenem berühmten plombierten Wagon heil durch Deutschland kam. Außerdem kümmerte er sich als Finanzier Wilhelm II. um die Finanzgeschäfte der Reichsregierung und leitete die Familienbank M.N. Warburg & Co in Frakfurt.[23]

(Der Bruder von Max Warburg, Paul Warburg, war der Gründer und der Vize-Präsident der Federal Reserve Bank der U.S.A.) [24]

Um Lenins "Revolution" erfolgreich durchführen zu lassen, hatte auch die deutsche Regierung siebzig Millionen Mark bewilligt. [25]

Am 27. März verließ auch Trotzki, mit einem USA-Pass und 275 Revolutionären als Gefolgschaft, an Bord der S.S. Christiana New York, um mit Lenin die bolschewistische Revolution durchführen. [26]

Merkwürdig scheint die Aussage von Halil Bey, Minister des Äußeren der Türkei, über Trotzki, die in einen k.u.k. Bericht vom 8. Februar 1918 vorliegt:

Als Jude will er die Judenpogroms rächen; sein Programm ist daher, Russland ganz zu Grunde zu richten. [27]

Die Parole der Bolschewiken war:

 

Wir rufen euch zu einer gesellschaftlichen Revolution auf. Wir fordern euch auf, nicht für andere zu sterben, sondern zu vernichten - eure Klassenfeinde an der Heimatfront. [28]

Um den Untergang Russlands sicher zu stellen, weigerte sich Lloyd George, der Premier Großbritanniens, der Zarenfamilie, dem Vetter des englischen Königs, in England Asyl zu gewähren. Die Zarenfamilie wurde daher von den Bolschewiken exekutiert. Auch die bolschewistische Revolution musste erfolgreich bis zu Ende durchgeführt werden. Aus diesem Grunde arbeiteten, während des russischen Bürgerkriegs - neben der Finanzierung der Bolschewiken durch die USA und die Europäer - zahlreiche weißrussische Generäle wie Turkul, Skoblin oder Voss für Lenin und Trotzki, also für die westlichen Mächte. [29]

Die Bolschewiken schlossen mit den Mittelmächten und der Türkei und Bulgarien ein Waffenstillstands-Abkommen in Brest-Litowsk. Russland wurde praktisch als besiegtes Land aus dem Krieg ausgeschieden und von den Alliierten dementsprechend auch behandelt.

Alexander Kerenski schrieb in seinen Memoiren:

Lenin und seine Genossen hatten somit durch ihren Verrat an Russland den Alliierten die Möglichkeit verschafft, Russland praktisch als besiegtes Land zu behandeln. [30]

Die Verträge vom 27. März 1915 galten nach der Eliminierung Russlands aus dem Kriegsschauplatz nicht mehr: Russland hatte den Krieg bis zum siegreichen Ende nicht mitgemacht.

Diese These wird durch die Rede des englischen Premiers Lloyd George, Anfang 1918, unterstrichen, in der er sagte:

Konstantinopel, freilich mit neutralisierten und internationalisierten Meerengen, den Türken als Hauptstadt, sowie die eigentlichen türkischen Provinzen (Türkisch-Armenien) bleiben. [31]

Die Rede Lloyd Georges hatte bei den türkischen Machthabern einen sehrguten Eindruck gemacht, schrieb der k.u.k. Militärkorbevollmächtigte in Konstantinopel am 11. Jänner 1918 nach Wien.[32]

Aufschlussreich ist auch, dass schon damals die Türken die englische Russlandpolitik richtig definiert haben, denn die Kommentare in Konstantinopel waren:

Lloyd George verzichtet auf die Verpflichtungen gegen Russland. Eigentlich hat England nie damit Ernst gemacht. England wollte nie Konstantinopel und die Meerengen den Russen geben. Es hat unter Zwang zugesagt, aber auch dann unaufrichtig und in der Überzeugung, dass die Russen Konstantinopel doch nie haben würden. [33]

Am 30. November 1917 stand noch die russische Armee in Ersindjan, demnach war Historisch-Armenien von den Russen erobert und befreit gewesen.

Bei den Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und dem revolutionären Russland in Brest -Litowsk erklärte der russische Vertreter Trotzki am 10. Februar 1918:

Im Namen des Rates der Volkskommissäre bringen wir hiermit zur Kenntnis der Regierungen und der Völker der mit uns kriegführenden, der verbündeten und der neutralen Länder, dass Russland, indem es darauf verzichtet, einen annexionistischen Vertrag zu unterzeichnen, seinerseits den Kriegszustand mit Deutschland, Österreich-Ungarn, der Türkei und Bulgarien für beendet erklärt. Den russischen Truppen wird gleichzeitig der Befehl zur vollständigen Demobilisierung an allen Frontlinien erteilt. [34]

Die vom Krieg ermüdeten und von der Leninschen Propaganda beeinflussten russischen Soldaten nahmen den Befehl zur Demobilisierung willig auf. Die meisten Soldaten verkauften ihre Kriegsausrüstung, um mit dem Erlös die Reise nach Hause finanzieren zu können.

Mitte Januar 1918 begannen die Russen ihre Armee von den eroberten türkischen Gebieten, Türkisch-Armenien, abzuziehen. Mit dem Rückzug der russischen Armee bildeten die Armenier Freiwilligen-Bataillone, insgesamt 20.000 Mann und mussten, unter dem armenischen Generalmajor Andranik, eine Front von 375 km verteidigen.[35]

Am 14. Februar 1918 begann dann die türkische Offensive. Die freiwilligen armenischen Truppen waren aber zu schwach, um sie aufzuhalten, und mussten zurückweichen. Das von dem zaristischen Russland befreite Türkisch-Armenien ging dadurch wieder verloren.

Englands Antiarmenierpolitik wurde auch 1918 bestätigt, als die Armenier bei der türkischen Invasion nach Baku England um Hilfe baten. Ein Zitat des Rats der armenischen Bakukommandanten beweist es: Am 4. September bekam General Dunsterville (das Oberhaupt der englischen Armee in Baku) folgendes Schreiben der provisorischen Regierung von Baku ausgehändigt, das den Unmut der Armenier gegen die Engländer ausdrückte:

...When we entered into a military agreement with you we assumed joint responsibility with you for the preservation of the town and districts of Baku, both for the Russian Republic and for the common front of the Allies. Our alliance with you led to a rupture with the Bolshevik power in Russia...We considered therefore (and in this respect we based our conclusion on our negotiations with you and on your own and your Governments declarations and announcements), that you would bring to Baku a sufficient force, not only to relieve the town from siege, but even to clear the enemy out of Trans-Caucasia which has been torn from the Russian Republic.

Unhappily we were mistaken. During a period of more than a month to the 3rd September you have transferred to Baku little more than one thousand men, with six guns and some other technical items... [36]

Als der Krieg vorbei war, kamen die Engländer nach Aserbeidjan. General Thomson versprach der türkischen Musavat Regierung in Baku, die Provinzen Berg Karabakh und Zangesur - ein Gebiet im Süden Armeniens, das an Iran grenzt - dem aserbeidjanischen Staatsgebiet anzugliedern.37  Als daraufhin die Türken in Schuschi, der wichtigsten Stadt in Berg Karabakh und jahrhunderte lang Kulturstätte der Armenier, mit Feindseligkeiten gegen die armenische Bevölkerung begannen, marschierte der armenische General Andranik mit seinen Truppen Richtung Berg Karabakh. Knapp vor Schuschi erreichten ihn englische Offiziere und baten ihn umzukehren. Sie versprachen, die Verwaltung Berg Karabakhs bis zu den Ergebnissen des Friedenkongreßes in Sèvres zu übernehmen.

Als sich General Andranik mit seinen Truppen zurückzog, begannen die Türken erneut, Armenier in Schuschi zu verfolgen. Die armenische Bevölkerung wehrte sich unter anderem mit Waffengewalt, woraufhin sie von den englischen Truppen entwaffnet und aus der Stadt geleitet wurden. In der darauf folgenden Nacht brachen die Unruhen erneut aus. Unter dem Beisein der englischen Soldaten begannen die türkischen Kräfte die armenische Bevölkerung zu massakrieren.

Es wurden fünf armenische Dörfer in der näheren Umgebung von Schuschi vernichtet, die Bevölkerung umgebracht und die Frauen und Mädchen geschändet.

Die verfolgten Armenier baten die Engländer um Hilfe und Schutz. Die Engländer aber unterließen Hilfsmaßnahmen mit den Worten: "Was sollen wir denn tun?"

Die Unruhen in Berg Karabakh bzw. in Schuschi waren der Grund, dass aserbeidjanische Truppen - eskortiert durch englische Truppen - in Schuschi einmarschierten und die Stadt von den Engländern übernahmen. Damit war, entgegen der Versprechungen welche der englische Generalstab General Andranik machte, das Schicksal Berg Karabakhs besiegelt.[37]

Nach Beendigung des Friedenskongreßes, protestierten die Armenier wegen der nicht Einhaltung des Versprechens, welches ihnen gemacht wurde – der Entstehung Groß-Armeniens. Sie bekamen von Lord Chamberlain folgende Antwort:

Lord Cecil als englischer Minister, hat zwar dieses Versprechen gegeben, aber essoll nicht heißen, dass die Äußerung eines Ministers die Versprechung der englischen Regierung bedeutet. [38]

Lenins und Trotzkis Verrat - wie Kerenski es bezeichnete - brachte Unglück über Russland, aber noch ein größeres Unglück bedeutete es für das armenische Volk:

Nach der so genannten Russischen Revolution verloren die Armenier Historisch-Armenien, das nach Vereinbarung Russlands mit England und Frankreich unter russischen Einfluss gestellt hätte werden sollen, demzufolge Historisch-Armenien wiederentstanden wäre.

Der weitere Schaden für die Armenier geschah 1921, als durch die Anordnung der Bolschewiken die zwei armenischen Gebiete Nachidjevan und Berg Karabakh, als Enklave, der Republik Aserbaidjan zugeteilt wurden. Ein politischer Schachzug, dessen negative Auswirkungen heute noch wahrnehmbar sind.

Dazu kam noch, dass Lenin die zwei armenischen Gebiete Kars und Ardahan auch der Türkei quasi geschenkt hat.

Wie berichtet, waren die Auswirkungen der englischen Russland- bzw. Armenierpolitik für die Armenier katastrophal: 1,5 Millionen Armenier wurden massakriert, Hunderttausende verließen ihre Heimat, ihr Hab und Gut waurde konfisziert, und Historisch-Armenien blieb für sie nunmehr eine Vision.



[1] Alan Moorhead, "Gallipoli", N.Y 1956, S. 59

[2] W.Churchill,"Die Weltkrise..S. 601

[3] W.Churchill, Die Weltkrise…S. 585

[4] ibid S. 588

[5] ibid S. 589

[6] ibid S. 590

[7] Alan Moorehead, Gallipoli, S.91

[8] ibid S. 363

[9] ibid S. 172

[10] ibid S. 95

[11] S.D. Sasonoff, "Sechs schwere Jahre", Berlin 1927, S. 311, S.314

[12] Wien, HHStA PA XII, 207. Jeniköj, 26.Aug.1914, Nr.494

[13] Alan Moorehead, Dardanellen, S. 101

[14] J. Pomiankowski, "Der Zusammenbruch…S.136, S.154, S.160

[15] Sami Hadawi, "Bitter Harvest",New York 1967, S. 17f

[16] Gary Allen,"Insider, S.91

[17] Engelbrecht/Hanighen, "Merchants of death", S.173

[18] E.R. Carmin, "Das schwarze..S.211

[19] Gary Allen, "Die Insider", Wiesbaden 1980, S. 98f

[20] R. Carmin, "Das schwarze Reich", München 2002, S.56

[21] Wien, HHStA PA I 833. Stockholm, 21. Mai 1917, Nr. 159

[22] Wien, HHStA PA I 945. Bern, 22. Mai 1917 N r. 80/P.C.

[23] E.R.Carmin, "Das Schwarze Reich", S. 698

[24] ibid S. 57

[25] Sasonoff, "Sechs...S. 289

[26] Gray Allen, "Die Insider", S. 93

[27] Wien, HHStA PA I 946. Konstantinopel, 8.Feb.1918, Nr.652/res.

[28] Alexander F. Kerenski, "Die Kerenski Memoiren", Wien 1965, S.285, S.299

[29] E.R. Carmin, "Das schwarze Reich", S.625

[30] A. F. Kerenski, "Die Kerenski Memoiren", S.285, S.524

[31] Wien, HHStA PL 192. Konst., 11.1.1918, Nr.10

[32] ibid

[33] Wien, HHStA PL 192. Konst., 11.1.1918, Nr.10

[34] Wien, HHStA PA I 1053 Wien, 10. Februar 1918, Nr. 23

[35] Richard G. Hovannisian, Armenia on the Road to Independence, Berkeley/Los Angeles 1967, S.114.

[36] Major-General L. Dunsterville, "The adventures of Dunsterviller", London 1932, S.283

[37] Leo, "Erinnerungen" Tiflis 1924, S. 426-430

[38] ibid, S. 475f